Aus der Paartherapie-PraxisWie finden wir ein gerechtes Familienmodell?

In mehreren Stufen zu mehr Verständigung und praktischen Lösungen

Karin und Markus sind seit vier Jahren verheiratet und haben einen Sohn, Luis, 2 Jahre alt. Karin ist zur Zeit noch im Erziehungsurlaub. Eigentlich wollte sie vor einem halben Jahr wieder in ihren alten Beruf zurückkehren, aber Luis war zur dieser Zeit noch stark auf seine Mutter fixiert, so dass die Eltern gemeinsam entschieden hatten, dass Karin ihren Erziehungsurlaub um ein weiteres Jahr verlängert.

Zurück in den Beruf – aber wie läuft’s zuhause weiter?

Jetzt steht Karin vor dem Wiedereinstieg und denkt mit Sorge an die zukünftige Organisation des Familienalltags. Während ihres Erziehungsurlaubs hat sie alle Aufgaben und Anforderungen zuhause alleine bewältigt. Nun wünscht sie sich von ihrem Mann, dass er ihren Wiedereinstieg unterstützt, indem er seine beruflichen Aktivitäten etwas einschränkt und zuhause mehr Verantwortung übernimmt. Aktuell haben sie deswegen häufig Streit, auch weil Markus aus Karins Sicht keinen angemessenen Beitrag zum Familienalltag leistet. Da sie im gemeinsamen Gespräch keine Lösungen finden, entscheiden sie sich für eine  Paartherapie. So habe ich Karin und Markus kennengelernt.

Zu einer gerechteren Aufgabenverteilung finden

Karin und Markus lernten sich während ihres Studiums kennen. Nach dem Abschluss hatte Karin in einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet und Markus begann in einem mittelständischen Unternehmen als Controller. Schon vor ihrer Hochzeit haben sie viel über Familiengründung gesprochen. Wichtig war beiden gleichermaßen, dass sie ihren Familienalltag anders als ihre Eltern organisieren wollten. „Mehr Gerechtigkeit in der  Verteilung der Aufgaben“ – so hat Karin in der ersten Therapiestunde ihre Überlegungen beschrieben. Sie meinte damit, dass beide Eltern die Möglichkeit haben sollten, ihre beruflichen Entwicklungen weiter zu verfolgen, und dass Planung und Umsetzung des Familienalltags unter dem Paar gleichmäßig aufgeteilt werden sollen. Dazu gehörten z.B. Einkaufen, Aufräumen, Staubsaugen, Kindergartentasche für den nächsten Tag packen oder Termine wahrnehmen, wie z.B. Kinderarzt, Kinderturnen oder Laternenbasteln.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Markus fühle sich an sein Versprechen gebunden, sich aktiv am Familienalltag zu beteiligen. Allerdings stoße er bei der Umsetzung an Grenzen. Ihm wurde kürzlich die Leitung einer Abteilung übertragen, was ihm viel Freude mache und weitere Karriereoptionen eröffne. Um den Anforderungen zuhause gerecht zu werden, müsse er allerdings seine Arbeitszeit reduzieren, was zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich sei. Streitereien mit seiner Frau gebe es aber auch über die Qualität der Ausführung der häuslichen  Aufgaben: Es passiere  regelmäßig, dass seine Wocheneinkäufe unvollständig seien, dass er nicht sehe, wann die Spülmaschine angestellt werden müsse oder er die Brottasche von Luis nicht mit in den  Kindergarten nähme. Beide sind mit der jetzigen Situation sehr unglücklich und möchten den Kreislauf der Vorwürfe und Streitereien gerne durchbrechen und wieder an ihre  ursprüngliche Harmonie anknüpfen.

Wertschätzung der Beziehung ist die Basis

Wir arbeiten zunächst an den Fundamenten der Paarbeziehung: Was ist uns unsere Beziehung wert? Was bedeutet sie für uns? Wir finden gemeinsam heraus, dass Karin und Martin sich einig sind in Fragen des Lebensstils und ihres Wertesystems. Sie haben beide den Wunsch, für einander da zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen. Diese Erkenntnis führt bei beiden bereits zu einer deutlichen Entspannung ihres Problems. Markus möchte, dass  seine Frau wieder ihrer Berufstätigkeit nachgeht und dass er mehr Aufgaben zuhause übernimmt. Karin ist stolz darauf, dass Markus großen beruflichen Erfolg hat und gönnt ihm das von Herzen. In den vergangenen Monaten haben Karin und Markus den positiven Blick auf ihre Beziehung verloren, was ihre Krise zusätzlich negativ verstärkt hat. Dies erkennen beide und machen sich den Wert ihrer Beziehung erneut bewusst. Der amerikanische Paartherapeut John Gottmann hat festgestellt, dass der Erfolg glücklicher Paare darauf beruht, dass die Grundlage ihrer Ehe eine tief empfundene Freundschaft ist, die dazu führt, dass man sich mit gegenseitigem Respekt begegnet und Freude am Miteinander hat. Dieses Grundgefühl kann im Alltag durch Streit verloren gehen.

Ein neues Familienmodell, das für alle passt

Ein halbes Jahr nach unserem letzten Termin stellen mir Karin und Markus ihr neues Familienmodell vor. Markus hatte seinem Arbeitgeber seine familiäre Situation erläutert und dieser stimmte einer Arbeitszeitreduzierung von 20% zu. Markus ist jetzt freitags zuhause  und kümmert sich um den Haushalt und holt Luis aus dem Kindergarten ab. Im Notfall ist er  für seine Mitarbeiter telefonisch erreichbar. Karin arbeitet jetzt wieder in ihrem Job und ist montags zuhause. Zur Entlastung hat das Paar einmal wöchentlich eine Haushaltshilfe engagiert und Freitagabends einen Babysitter. So können sie wertvolle gemeinsame Zeit verbringen. Der Paarprozess, bei dem sie ihren Streit beiseite legen und den Wert ihrer Beziehung wieder spüren konnten, hat Karin und Markus geholfen, von sich aus praktische und als gerecht empfundene Lösungen für ihren Alltag zu finden, und zwar so, dass sie von jedem der beiden im Interesse ihrer Paarbeziehung voll und ganz akzeptiert werden konnten.

Ein Bericht aus der Paartherapie-Praxis von Charlotte Wicke-Reitz, Darmstadt.