Eifersucht: nichts Neues„Mich habt ihr doch viel weniger lieb!“

Im Alltag gehen solche Eifersüchteleien unter Familienmitgliedern in den meisten Fällen weit weniger martialisch ab. Aber es gibt sie sehr wohl, und zwar nicht zu knapp: Der große Bruder hat das tollere Weihnachtsgeschenk bekommen, die Großeltern mütterlicherseits bekommen die Enkel viel häufiger zu Gesicht, als die Eltern des Vaters, die Kleine hat den Papa momentan lieber als die Mama. Solche potenziellen Konfliktherde gibt es immer wieder in dem komplizierten sozialen Konstrukt, das die Familie nun einmal ist – ganz nah ist man sich da, aber trotzdem, oder gerade deshalb, gibt es immer wieder Grund sich zu vergleichen und mit dem eigenen Abschneiden im Vergleich ganz und gar nicht zufrieden zu sein.
Eifersucht, das ist laut Duden die starke, übersteigerte Furcht, Liebe oder einen Vorteil mit einem anderen teilen zu müssen oder an einen anderen zu verlieren. Kein Wunder also, dass diese Furcht besonders unter Geschwistern immer wieder hochkocht und zu Ärger führt. Die Aufmerksamkeit der Eltern muss da schließlich mit dem Bruder oder der Schwester geteilt werden und gerade wenn man bis vor Kurzem noch das einzige Kind im Haus war, ist das manchmal gar nicht so einfach.

Kinder zwischen Vorfreude auf das Geschwisterchen und Angst vor schwindender Beachtung

Das Problem kennen auch Kerstin und ihr Mann Matthias aus dem Alltag mit ihren zwei Kindern: Als klar wurde, dass ein kleines Brüderchen unterwegs ist, ging es los: Die damals zweijährige Tochter des Paares – bis dahin uneingeschränkter Mittelpunkt der elterlichen Aufmerksamkeit – schien hin- und hergerissen zwischen freudiger Aufregung und dem hilflosen Schrei nach Beachtung. Da konnte die Kleine auch mal laut werden, wenn die Eltern wieder minutenlang nichts anderes taten, als liebevoll den immer runder werdenden Bauch der Mama zu begutachten. Da wurde auch mal mit den kleinen Fäustchen provokativ gegen diesen Bauch – das neue Zentrum der Aufmerksamkeit – gedrückt, bis die Mama böse wurde. Als das Brüderchen dann da war, ging es bei der Großen plötzlich wieder nicht ohne Windeln, und das, obwohl die bis vor Kurzem schon beinahe überflüssig geworden waren. Aber klar: Was das Baby an Zeit und Aufmerksamkeit von Kerstin und Matthias bekam, und waren es nur die Minuten des Windel-Wechselns, das wollte die große Schwester genauso.

Eifersucht ernst nehmen

Diplompsychologe Peter Ottasek von der Erziehungsberatung des Darmstädter Familienzentrums kennt solche Situationen. Ungewöhnlich seien die nicht, erklärt der Erziehungsfachmann, denn: „Eifersucht ist ein Thema, das es gibt, seit der Mensch in Beziehungen lebt“. Bei Kindern allerdings könne die Reaktion mitunter besonders stark und – durch die Augen eines Erwachsenen betrachtet – beinahe übertrieben ausfallen. „Kinderfantasie ist ultimativer, dramatischer, als bei Erwachsenen“, erklärt Ottasek: „Da ergeben sich leicht Übersteigerungen.“ Als Erwachsener möchte man gerne mal die Augen verdrehen und genervt den Kopf schütteln, wenn das Kind aufgebracht sagt: „Aber mich hast du doch viel weniger lieb!“ Ottasek aber rät von solchen Reaktionen ab: „Der Ausdruck von Eifersucht hat eine wichtige Funktion: Ernst genommen werden, aufmerksam machen, auf Probleme in einer Beziehung hinweisen.“ Wer genau gegenteilig reagiere, nämlich mit Lachen oder Kopfschütteln, der gebe dem eigenen Kind umso mehr das Gefühl, es nicht ernst zu nehmen.

Wenn ein Gleichgewicht ins Ungleichgewicht kippt

Besonders in Phasen starker Veränderung schleicht sich Eifersucht ein, bei Kindern wird das umso deutlicher. Bei der Familie von Kerstin und Matthias war es die Schwangerschaft und somit die Aussicht ihrer Tochter, die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern in Zukunft mit einem kleinen Brüderchen teilen zu müssen. Typisch, so Peter Ottasek, sei auch die Situation nach einer Trennung, wenn Kinder plötzlich mit einem neuen Partner des Elternteiles um Beachtung konkurrieren müssten. „Die Varianten sind sehr breit“, erklärt der Diplompsychologe, gemeinsam hätten aber alle, dass Umbrüche oder Veränderungen zu Verunsicherung bei den Kindern führten. Kinder signalisieren auf diese Weise: „Da ist Veränderung und ich komme damit nicht zurecht. Sie zeigen, dass Verunsicherung da ist.“ Die Reaktionen können ganz unterschiedlich ausfallen, manche Kinder ziehen sich zurück, manche äußern aktiv ihren Unmut.

„Das ist jetzt nur etwas für die Großen“

Im Fall von Kerstin, Matthias und ihren Kindern rät der Fachmann: Nicht ausschließen, sondern teilhaben lassen: „Wenn das Kind Fragen stellen darf, horchen darf, wie das im Bauch klingt, sozusagen mit schwanger sein darf, dann fühlt es sich auch beteiligt und entwickelt Neugierde. Aus der Schwangerschaft wird dann etwas Faszinierendes.“
Aber genauso: Zeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung schenken, gerade auch nach der Geburt. Hier ist vor allem der Papa mit gefordert, da die Mama naturgemäß am Anfang stärker eingespannt ist. Ein schöner, und für die „Große“ ganz besonderer Papa-Kind-Tag kann manchmal Wunder wirken, hier gilt das Motto: „Das ist jetzt nur etwas für die Großen, das Baby kann da noch nicht mit.“ Schwindende Aufmerksamkeit wahrnehmen und ausgleichen, nennt Ottasek das und stellt klar: „Es kann sehr schmerzlich sein, wenn auf einmal die ganze Familie auf das Neugeborene springt und man selbst kaum noch Beachtung findet.“

Stärken und Schwächen offen kommunizieren

Mit den Geschwistern ist es ohnehin so eine Sache. Haben sie sich mit steigendem Alter daran gewöhnt, nicht mehr der alleinige Mittelpunkt der familiären Aufmerksamkeit zu sein, so bedeutet das noch lange nicht, dass es vorbei ist mit den Eifersüchteleien. „Das ist MEIN Spielzeug!“, „Warum darf DER mit und ICH nicht?“, „Für MICH interessiert sich ja sowieso Keiner!“ – solche Sätze werden den meisten Eltern aus den tagtäglichen Frotzeleien um Zeit, Beachtung und Zuneigung bekannt sein. Besonders geschwisterliche Zweierkonstellationen bieten gute Möglichkeiten zum direkten Vergleich, „da entsteht schnell das Gefühl von Defiziten“, weiß auch Erziehungsberater Ottasek. Helfen kann hier offene Kommunikation über Stärken und Schwächen der Kinder. Das heißt: Während die Tochter vielleicht besonders gut im Schwimmkurs und beim Fußball ist, zeigt der Sohn möglicherweise ein besonderes Talent, wenn es ums Gitarre spielen geht. Solche Unterschiede und andersartige Stärken können durchaus betont und ausdrücklich gelobt werden. Genauso gilt: Auf Schwächen hinweisen, statt wegzuschauen. So findet jedes Kind seine eigenen Anknüpfungspunkte und kann sich über seine individuelle Identität definieren, direkte Vergleiche werden da schnell uninteressant und Eifersucht überflüssig.

Problem Digitalisierung

„Wir leben heute in einer sehr verdichteten Realität“, stellt Erziehungsberater Peter Ottasek mit Blick auf die immer schneller und immer komplexer werdenden Abläufe in der Lebensrealität vieler Menschen fest: Arbeit, Hobbys, Sport, Familie – aber dazu kommt heutzutage auch noch Handy, Laptop, Facebook, Whatsapp. Die ständige Erreichbarkeit und die ununterbrochene Informationsflut des Internets sind für die meisten inzwischen Alltag. Dass das auch auf die Kleinsten nicht unerhebliche Auswirkungen hat, vergessen dabei viele. Kinder müssen heutzutage im Kampf um die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern nicht mehr nur mit deren alltäglichen Pflichten, Hobbys und gegebenenfalls den Geschwistern konkurrieren, sondern noch dazu mit dem ständig piepsenden Handy oder der Parallelrealität der sozialen Netzwerke. „Früher gab es noch mehr intensive Zeit, die man gemeinsam verlebt hat, weil man ohne Ablenkung zusammen am Tisch saß oder im Wohnzimmer“, erklärt Peter Ottasek. „Heute ist man nur noch selten allein mit seiner Familie“, mindestens ein Freund oder Bekannter schalte sich regelmäßig über Whatsapp oder Facebook in den Familienalltag mit ein.
Viele Eltern bemerken die eigene Ablenkung durch das Handy oder das Tablet schon gar nicht mehr, sie sind der Überzeugung, ihren Kindern sehr viel Freizeit zu widmen – dass es allerdings nicht nur um die Quantität, sondern ebenso um die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit geht, wird dabei häufig vergessen. Handyfreie Zeiten im Familienalltag sind deshalb – auch für die Eltern – sehr wichtig.

Kinder sollten lernen, Konflikte selbst zu lösen

Und wenn es doch mal kracht? Peter Ottasek warnt davor, bei Streitigkeiten unter Geschwistern zu schnell einzugreifen: „Wenn Kinder das untereinander regeln, wäre es dumm, sich einzumischen“, denn auch Kinder müssten lernen, Konflikte selbst zu lösen.
Muss man am Ende doch dazwischen gehen, dann ist es oft am besten, die Streithähne zunächst einmal räumlich zu trennen: „So, du gehst jetzt mal in diesen Raum und du in den anderen.“ In einem späteren Moment, in dem sich die Gemüter beruhigt haben, kann man immer noch das Gespräch suchen und gemeinsam Wege finden, um den Streit zu klären. „Aber“, schränkt Ottasek ein, „ergebnisoffen, spiegelnd, moderierend!“ Fragen wie: „Wie meinst du das genau?“, „Was ärgert dich?“, „Und was könnten wir da jetzt machen?“, könnten manchmal erstaunlich hilfreich sein – die Eltern dürften sich in einer solche Situation gerne mal dumm stellen, und den Kindern die Aufklärung des Streits überlassen. Es gehe schließlich nicht darum, den Konflikt FÜR die Kinder zu lösen, sondern eine unterstützende, moderierende Rolle einzunehmen.
In Kerstins und Matthias‘ Familie haben sich mittlerweile alle an das Leben zu viert gewöhnt. Eifersucht ist bei den Geschwistern nur noch selten ein Thema. Denn viel wichtiger als die Aufmerksamkeit von Mama und Papa ist inzwischen die gemeinsame Zeit im Kinderzimmer.

Tipps für Eltern

Eifersucht ernst nehmen

„Du verbringst viel weniger Zeit mit mir!“ – diese Anschuldigung haben sicher viele Eltern schon einmal gehört, und obwohl der Vorwurf oft ungerecht und übertrieben wirkt, sollte man die Rückmeldung vom Kind ernst nehmen. Gleich alles abzustreiten („Nee, nee, das stimmt aber nicht!“) oder zu beschwichtigen („Jetzt hab dich doch nicht so!“) ist da nicht hilfreich. Das gibt Kindern schnell das Gefühl, nicht für voll genommen zu werden. Vielmehr sollte man sich selbst überprüfen: Ist da etwas dran? In jedem Fall hilft es, sich Zeit zu nehmen und das Gespräch zu suchen. „Was fehlt dir denn?“, kann man das eigene Kind fragen, oder: „Was wünschst du dir?“. Solche Gespräche können sowohl Eltern als auch Kindern unerwartete Erkenntnisse liefern – und allein die Nachfrage durch die Mama oder den Papa nimmt schon so manchem Gefühl von Vernachlässigung den Wind aus den Segeln.

Struktur hilft

Sich mehr gemeinsame Zeit vorzunehmen ist leicht – die Vorsätze auch wirklich einzuhalten, ist da schon schwieriger. Wem es schwerfällt, sich regelmäßig ungestörte Momente für die Kinder frei zu räumen, dem kann es helfen, sich klare Strukturen zu schaffen, beispielsweise in Form von festen Verabredungen. Diplompsychologe Peter Ottasek schlägt beispielsweise regelmäßige Termine für die gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern vor – ohne Ablenkung und Unterbrechung. „Die Kinder dürfen dann ruhig auch mal sagen: Nee, heute habe ich keine Lust. Die Eltern – und das ist sehr wichtig – dürfen das aber nicht. Darauf müssen die Kinder sich verlassen können.

Wertvolle Zeit für die Kinder

„Egal, mit welchen Problemen wir bei der Erziehungsberatung zu tun haben“, erklärt Peter Ottasek vom Familienzentrum in Darmstadt, „Es gilt immer: Zeit nehmen für das Kind.“ Dieser Grundsatz werde immer wichtiger, denn heutzutage „leben wir in einer sehr verdichteten Realität.“ Das heißt: Arbeit, Freizeit, ständige Erreichbarkeit und die Schnelllebigkeit bekommen schon unsere Kleinsten zu spüren. Die gemeinsame Zeit mit den Eltern und deren ungeteilte Aufmerksamkeit werden da schnell zur Seltenheit.

Kein Wunder also, dass viele Kinder meinen, um die Beachtung in der Familie kämpfen zu müssen. „Gemeinsame Zeit“, das betont Ottasek aber auch, „bedeutet nicht, mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen oder ihnen beim Fußball zuzuschauen. Da sind die Eltern meist nicht involviert, sie beaufsichtigen nur. Wichtige Zeit bedeutet, dass die Aufmerksamkeit mal nur auf dem Kind liegt – kein Fernsehen, kein Handy, kein Kochen nebenher.“ Qualität ist hier also wichtiger als Quantität. Deshalb gilt: Gemeinsame Unternehmungen oder auch ein ungestörter Abend auf der Couch mit der ganzen Familie sind oft bedeutsamer für die Kinder, als man meint.

Wertschätzung ist Kindern wichtig

Wie Erwachsene wünschen sich auch Kinder, von ihren Mitmenschen, vor allem den wichtigen Bezugspersonen, ernst genommen und wertgeschätzt zu werden. Bei Geschwistern ist das manchmal gar nicht so einfach, wen lobt man wann und wieso und vor allem: Wie schafft man es, dass keines der Kinder dabei zu kurz kommt? Erziehungsexperte Ottasek empfiehlt hier, die individuellen Stärken eines jeden Kindes zu betonen. Wenn also der Sohnemann beispielsweise besonders toll malen kann und das Töchterchen dagegen sensationell singt, dann ist es sinnvoll, die unterschiedlichen Begabungen der Kinder explizit hervorzuheben. Das schafft Möglichkeiten der Abgrenzung und hilft den Geschwistern, ihre ganz individuelle Identität zu entwickeln. Direkte Vergleiche werden da schnell unnötig und Eifersucht überflüssig. Nur was das Maß an Zuwendung angeht, sollten Eltern, wenn möglich, keine Unterschiede machen – auch wenn sie das Gefühl haben, dass eines der Kinder grundsätzlich etwas mehr Aufmerksamkeit braucht. Denn das öffnet dem Gefühl von Benachteiligung und damit Eifersüchteleien unter den Geschwistern Tür und Tor.

Wo kann ich mich informieren?

Familienzentrum Darmstadt
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