Lieben und Streiten – ein Widerspruch?

Es war Liebe auf den ersten Blick“, platzt es aus Melanie bei unserer ersten Begegnung in meiner Praxis heraus. „Ja, so war es“, stimmt Christian mit ein. „Als Melanie und ich uns das erste Mal auf einer Party trafen, waren wir beide bereits über 30. Ich fühlte mich zu ihr unglaublich hingezogen und wir haben uns auf Anhieb super verstanden. Es war anders als alles, was ich bisher in meinen Beziehungen erlebt hatte. Wir konnten stundenlang miteinander reden, es war sofort eine unglaubliche Nähe zwischen uns“, beschreibt Christian weiter. „Unsere Liebe war so intensiv, unsere Tage immer voller Nähe und Harmonie. Wir konnten über die gleichen Dinge lachen und weinen und jeden Morgen fühlten wir beide ein unendliches Glück, dass wir uns gefunden hatten.“ Melanie nickt und ergänzt: „Und dann ging irgendwie alles ganz schnell, wir haben bereits ein halbes Jahr nach unserer ersten Begegnung geheiratet.“ 

Ständig Streit wegen Nichtigkeiten

Für eine Paartherapie hätten sie sich nun entschieden, weil sie seit einiger Zeit sehr häufig miteinander streiten würden. Überraschend sei dabei für sie, dass die Konflikte und Auseinandersetzungen in der Regel ohne wirklichen Grund aufträten. Es gäbe so eine Gereiztheit zwischen ihnen, was für sie ganz neu sei. Ihr größter Wunsch wäre es, die alte Harmonie wieder herzustellen.

Verklärtes Bild einer idealen Paar-Beziehung?

Viele Paare, die wie Melanie und Christian sehr eng miteinander verwoben sind, erschrecken über das Nachlassen ihrer starken anfänglichen Verliebtheit. Sie glauben, dass die Zunahme von Streit und Konflikten ein Ausdruck abnehmender Liebe ist. Sie sehen ihr Ideal einer harmonischen Zweierbeziehung in Gefahr, und sie sind dann oft verunsichert, ob es unter diesen Umständen noch eine gemeinsame Zukunft für sie als Paar geben kann. Die Erfahrung mit dauerhaften Paarbeziehungen zeigt in eine andere Richtung. Arnold Retzer, einer der bekanntesten Paartherapeuten Deutschlands, spitzt das Thema zu, in dem er sagt:  Konflikte, Ärger und der damit verbundene Streit sind in einer Ehe nicht zu vermeiden“. Zwar sind die konkreten Ursachen von Streit und Konflikten bei Paaren oft sehr unterschiedlich. Aber dass Konflikte gerade auch in langen, guten Beziehungen in der Regel unvermeidbar sind, ist die andere, weniger bekannte oder bewusste Seite. In meinen Gesprächstherapien stellen wir daher gemeinsam die Frage: Warum ist das eigentlich so? Und wie gehen wir damit um?

Harmonie um jeden Preis lähmt

Christian und Melanie beschreiben, dass sie eine besondere Nähe und Übereinstimmung in ihrer Beziehung kultiviert haben. Sie haben aus ihrer Sicht alles dafür getan, um diese Einheit aufrecht zu erhalten und Konflikte zu vermeiden. Dadurch wurden ihre Erwartungen an eine gegenseitige Übereinstimmung allerdings immer größer. In der Praxis sah das dann oft so  aus, dass sowohl Melanie als auch Christian ihre eigenen Vorstellungen erst gar nicht geäußert haben, um den Partner nicht zu enttäuschen und die gemeinsame Harmonie nicht zu gefährden. Wenn beide zum Beispiel eigentlich gern in einen Kinofilm gehen wollten, kam es oft nicht dazu, weil sie spürten, dass sie sich nicht auf einen Film würden einigen können. Oder der Kinobesuch fand statt, aber einer von beiden stellte seine Vorstellungen automatisch zurück.

Eigene Bedürfnisse nicht verstecken

Ihre unterschiedlichen Wünsche haben sie nie zum Thema gemacht, ihre jeweiligen eigenen Sichtweisen oder Bedürfnisse zurückgehalten. Sie waren beide überzeugt, dass dies der richtige Weg sei, um die Harmonie in ihrer Beziehung aufrechtzuerhalten. Im Laufe unserer Gespräche haben sie erkannt, dass dadurch gerade das Gegenteil eingetreten ist. Was sie erlebt haben, ist, dass die Vermeidung von Unterschieden und Differenzen – die auch zu Konflikten führen können – bei ihnen zu der wachsenden Empfindung geführt hat, ihre  Individualität und Autonomie zu verlieren. Damit verbunden war das Gefühl eines Verlustes von persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung. Melanie und Christian haben erlebt, was viele harmoniebetonte Paare in Schwierigkeiten bringt. Ein zunehmender Verlust an empfundener eigener Individualität kann in Beziehungen dazu führen, dass sie schwierig und instabil werden. Bei Melanie und Christian hatte es zur Folge, dass sie sich trotz  Harmoniebemühungen mit sich selbst und daher auch miteinander nicht mehr wohl gefühlt haben und über „Nichtigkeiten“ sofort gestritten haben. Die Streitereien waren ein Zeichen, dass beide unbewusst auf Veränderung von einer eher symbiotischen zu einer mehr autonomen Liebe drängen. Hans Jellouschek, ein erfahrener Paartherapeut und Autor, beschreibt dieses Phänomen so: „Partnerliebe ist nicht momenthaft immer wieder dasselbe. Sie vollzieht sich in einer Art Pendelbewegung. Phasen und Momente der Verschmelzung müssen von Phasen und Momenten der Distanzierung abgelöst werden, und diese münden wieder in Phasen und Momente der Verschmelzung“.

Melanie und Christian ist in dem Beratungsprozess deutlich geworden, dass jeder wieder mehr auf sich und seine eigenen Wünsche und Interessen schauen sollte und unterschiedliche Sichtweisen in ihrer Beziehung Raum haben dürfen. Sie haben beide die Erfahrung gemacht, dass sie sich miteinander wohler fühlen, wenn sie ihre eigenen Positionen nicht verstecken und auch hin und wieder unterschiedlicher Meinung sind. Sie glauben, dass sie dadurch wieder mehr Nähe miteinander haben können.

Ein Bericht aus der Paartherapie-Praxis von Charlotte Wicke-Reitz, Darmstadt